Streikreport - Die letzten beiden Wochen
von Andreas Kossak, LA
“We have a deal.” Das war der erste und wohl entscheidende Satz in der WGA-Mitgliederversammlung am vergangenen Samstag im Shrine Auditorium in Downtown L.A.

Die Woche zuvor, unsere letzte „richtige“ Woche auf der Picket-Line am Genesee Gate vor CBS TV City, stand ganz im Zeichen der Frage, ob der „Deal“ denn auch wirklich ein „Deal“ war, dem man zustimmen konnte. Es herrschte Nachrichtensperre, doch die Presse war voller Gerüchte über einen großen Durchbruch am Freitag zuvor. Auf ihrem „must read“-Blog Deadline Hollywood berichtete Nikki Finke sogar, dass Fox-Chef Peter Chernin Freunden beim Superbowl Football-Spiel auf der Tribüne erzählte: „The deal is done.“
Einiges deutete darauf in, dass die Gerüchte diesmal etwas mehr Substanz hatten. Angeblich hatten die Studiobosse und die WGA am Freitag zuvor ein generelles Einverständnis erreicht. Es wurde „nur“ noch über den genauen Text verhandelt. Schwierigkeiten gab es nur noch, weil die Anwälte der Studios, so wurde uns gesagt, versuchten, die Zugeständnisse ihrer Bosse durch windige Formulierungen zurückzunehmen. Doch dann setzte die WGA eine allgemeine Mitgliederversammlung für Samstag Abend an. Dort sollte der neue Deal vorgestellt werden. Bis dahin musste also etwas erreicht sein.
Die Stimmung auf der Picket-Line blieb skeptisch. Nach all den Tagen auf der Strasse wollte keiner einen schlechten Deal akzeptieren. Auf der anderen Seite war in der letzten Woche unsere Picket-Line etwas zusammengeschrumpft. Die finanziellen Reserven vieler Streikender waren einfach am Ende, und einige mussten sich kleine Jobs suchen. Es war klar, dass die Picket-Lines sehr mager aussehen würden, wenn wir den neuen Deal ablehnen und bis in den Sommer streiken würden. Es war der Punkt gekommen, einen Kompromiss zu suchen.
Mittwoch war der letzte Picket-Tag bei CBS TV City. Viele nahmen ihre Picket-Signs mit und gingen anschließend noch mal zu ‚Swingers‘, einem Coffeeshop ganz in der Nähe. Dort konnten all WGA-Mitglieder auf Kosten des bekannten Komödianten Drew Carey während des gesamten Streiks umsonst essen.
Am Samstag war es dann soweit. Um sieben Uhr Abends im Shrine Auditorium, in dem über viele Jahre die Oscars stattfanden, sollte der neue Vertrag vorgestellt werden. Es war keine Abstimmung geplant. Es sollte lediglich die Stimmung der Basis gemessen werden. Je nach Stimmungslage wollte das Verhandlungskomitee über weiteres Vorgehen entscheiden und dem Vorstand eine entsprechende Empfehlung machen.
Der Vertrag war erst Samstag fertig geworden, und einige Punkte waren nur per Handschlag geregelt. Kurz vor der Versammlung wurde den Mitgliedern eine grobe Zusammenfassung der wichtigen Punkte per E-Mail zugeschickt. Viele Mitglieder sahen den vier Seiten langen Vertrag jedoch erst, als sie im Shrine Auditorium eintrafen.
Die Stimmung im Saal war erwartungsvoll. Auf einer großen Leinwand hinter Bühne verkündete eine Graphik den Slogan des Abends: „Stronger Together.“ Von der Versammlung der WGA East in New York wusste man, dass dort die Reaktion der Mitglieder positiv gewesen war. Würde es auch im Shrine Auditorium so ablaufen? Über 3500 Mitglieder saßen im Auditorium, als der Vorstand und das Verhandlungs-Komitee die Bühne betrat. Sofort sprangen alle Mitglieder auf, und es gab einen lang anhaltenden, stehenden Applaus. Dann ergriff WGA-Präsident Patric Verrone das Mikrophon und sagte den alles entscheidenden Satz: „We have a deal… More importantly you have a deal.“ Der Applaus hätte nicht stärker sein können. Die Stimmung war klar. Das Ende des Streiks war nur noch eine Formalie.
Nach den einführenden Worten von Patrick Verrone und dem Vorsitzenden des Verhandlungsausschusses, John Bowman, ging der eigentliche Verhandlungsführer David Young Punkt für Punkt durch den Vertrag. Für viele war es das erste mal, dass sie einen richtigen Eindruck von WGA-Executive-Director David Young gewann. Ich persönlich war beeindruckt, dass David Young mehr noch als der gewählte Vorstand bereit war, auch seine Enttäuschung über das nicht Erreichte auszudrücken. Damit nahm David Young vielen, die noch misstrauisch waren (wie ich), den Wind aus den Segeln.
Was ist also erreicht worden?
Alle Tarife basieren auf „Distributor’s Gross.“ Man versteht darunter die Summe, die der Verleih dem Produzenten zahlt. Damit ist vermieden, dass Produzenten durch buchhalterische Tricks die Einnahmen und damit die Residuals künstlich senken.
Die WGA hat das exklusive Verhandlungsrecht über Tarifverträge in den neuen Medien. Die Programme müssen nur von einem professionellen Autoren geschrieben werden, ein gewisses Budgetminimum haben, oder auf Material basieren, dass anderweitig WGA-Verträgen unterliegt.
Programme, die für die neuen Medien geschrieben werden und später auf traditionellen Medien, wie TV, gezeigt werden, unterliegen den bisherigen Tarifverträgen für Film und Fernsehen.
Für neue Programme, die für die neue Medien geschrieben werden, sowie gestreamte Programme mit Werbung, ist die Rate für Residuals 1.2% vom „Producer’s Gross.“
Residuals für Downloads von existierenden Programmen sind je nach Art, also Miete, Verkauf, Streaming etc. geregelt.
Neue TV-Programme können 17 Tage lang ohne Residuals zu Werbezwecken gestreamt werden. Danach bekommen die Writers eine einmalige Zahlung. Ab drittem Jahr des neuen Vertrags jedoch 3.5%. Dieses war eine hart erkämpfte Verbesserung gegenüber dem Vertrag der DGA.
„Fair Market Value“ besteht im Bereich New Media. Alle Transaktionen zwischen verwandten Firmen müssen in Bezug auf Residuals denen zwischen fremden Firmen entsprechen. Damit wird vermieden, dass Studios ihren Sub-Firmen Programme billig verkaufen können und damit die Residuals drücken.
Für den Bereich New Media stimmen die Studios zu, der WGA Einblick in alle Verträge mit Verleihern zu geben.
Die „Sunset Clause“ aus dem Vertrag der Directors Guild (DGA) ist aus dem der WGA rausgenommen worden. Damit wird das Erreichte nicht nach drei Jahren zunichte gemacht, sonder kann als Basis für einen neuen Vertrag dienen.
Alle Autoren, die während des Streiks ihren Job verloren haben und deren Show weiterhin besteht, müssen wieder angestellt werden. Zudem verpflichteten sich die Studios, alle zwischenzeitlich angestellten Streikbrecher wieder durch WGA-Autoren zu ersetzen.
Der neue Vertrag endet am 1. Mai 2011. Das ist zwei Monate vor dem Termin, an dem auch der Vertrag der Screen Actors Guild, SAG, und der DGA auslaufen wird. So ist die Möglichkeit für einen gemeinsamen Streik aller drei Gewerkschaften in drei Jahren gegeben. Dieses ist ein enormer strategischer Vorteil.
Als Anerkennung für den großen Einsatzes der Basis lehnte der Vorstand es auch ab, über das Ende unseres Streiks „von oben herab“ zu entscheiden. Stattdessen, konnten alle Mitglieder demokratisch in einer Wahl selbst entscheiden, ob sie den Streik beenden wollten. Diese Abstimmung fand am Dienstag dieser Woche statt. Eine Mehrheit von 92.5% beschloss das Ende des Streiks. Über den neuen Vertrag wird innerhalb der nächsten Wochen abgestimmt.
In der zweiten Hälfte der Mitgliederversammlung stellte sich der Vorstand den Fragen der Mitglieder. Es wurden Details geklärt und die Perspektiven für die Zukunft erläutert. Demnach wird die WGA die Effektivität des neuen Vertrags und die Entwicklung der neuen Medien genau beobachten, so dass in den nächsten Verhandlungen eventuelle Lücken geschlossen werden können.
Eine der letzten Fragen galt dem Unterschied zwischen dem Vertrag, den die DGA vor einigen Wochen abgeschlossen hat, und dem neuen WGA-Vertrag. Patric Verrone und David Young, beide schon sichtlich müde, gingen alle Punkte durch, in denen die WGA mehr erreichte hatte. Doch dann ergriff Ron Bass das Mikrophon. Und mit dem was er sagte, möchte ich diesen letzten Report abschließen: Man darf nicht den Vertrag der DGA mit dem der WGA vergleichen. Der DGA-Vertrag war unser Vertrag, den wir uns erstreikt haben. Die Studios wollten uns den nur nicht geben, sondern der DGA. Was man vergleichen muss ist das, was im November als beschämendes Angebot der Studios auf dem Tisch lag, mit dem, was wir heute erreicht haben. Und dieser Unterschied ist eine riesige Errungenschaft. Der Streik war ein voller Erfolg.