Streikreport – die vierte Woche 2008

von Andreas Kossak, LA

Letzte Woche hatte ich schon, wenn zwar nicht das Ende des Streiks, so doch das Ende des „Picketing“ prophezeit; doch weit gefehlt—wir marschieren immer noch. Ich hatte mich von Ron Bass’ Euphorie anstecken lassen (Ron gehört zum konservativen oder „soften“ Flügel der WGA), dessen breites Lächeln das Ende in scheinbar greifbare Nähe brachte. Überhaupt schienen die Weichen auf einen sonnigen Ausgang zu deuten. Außer Ron erschienen noch zwei weitere Board-Mitglieder auf der Picket-Line, etwas vorsichtiger im Optimismus als er, aber durchaus positiv.

Und als dann auch noch Film Autoren der „A-Liste“ wie Larry Karaszewski aus dem Nichts auftauchten, schien uns klar: Es liegt was in der Luft. Denn bis auf einige Ausnahmen liefen viele „A-Lister“ nur den ersten Kilometer unseres Marathons mit und werden sicherlich versuchen, beim Zieleinlauf pressewirksam vor uns herzulaufen. Da diese Woche kein „A-Lister“ zu sehen war, wird es wohl noch etwas weiter gehen.

Dennoch tut sich was. Die WGA-Unterhändler führen weiterhin „informelle Gespräche“ mit den Studiobossen. Zunehmend deutlich wurde die neue Rolle der Screen Actors Guild (SAG) als „Bad Cop“, der im Hintergrund durch öffentliche Stellungnahmen die große Drohung eines möglichen Schauspielerstreiks diesen Sommer immer wieder hochspielte. So waren die SAG-Stellungnahmen auch immer gleich auf der WGA-Website zu lesen, und das „Picket“ am Montag stand im Zeichen der Solidarität mit der SAG. Die SAG sitzt zwar nicht mit am Tisch, den Studios jedoch im Nacken.

Wie steht’s also um die Verhandlungen? Die Presse und die Blogs sprechen von Fortschritt und Optimismus. Wegen der Nachrichtensperre ist das natürlich alles nur spekulativ und wir auf der Picket Line können normalerweise auch nur Vermutungen anstellen. Das änderte sich am Donnerstag, als WGA Vizepräsident David Weiss zu uns kam und uns ein Briefing gab – wie immer mit Megaphon, denn David muss seine Stimmbänder schonen. Da wir keine Presse sind, konnte David mit uns freier reden.

David bestätigte zunächst, dass verhandelt wird, wie es ja auch in der Presse zu lesen ist. Er bestätigte auch, dass der DGA-Deal die Grundlage für „unsere“ Verhandlungen ist. Was bis jetzt jedoch niemand gehört hatte war, dass der DGA-Deal in gewissem Sinne gar kein richtiger Deal war. David Weiss nannte den Deal „nicht viel mehr als eine Presseerklärung“.

David Weiss brieft die Streikenden

(David Weiss brieft die Streikenden)

Die Zugeständnisse der Studios waren im Detail nie mit der DGA verhandelt worden, so dass wichtige Begriffe wie „Bruttoeinnahmen der Produzenten“ oder „offene Buchhaltung“ nicht definiert waren. Wer je Verträge verhandelt hat, weiß, wie alle diese Begriffe weiträumig interpretiert werden können und dass sie ohne gemeinsam ausgehandelte Definition keine wirkliche Bedeutung haben. Dieses erklärt auch, warum sich Studios und DGA so schnell einig werden konnten. In den gegenwärtigen Gesprächen zwischen WGA und den Studios wird der DGA-Deal erst einmal richtig verhandelt und mit bindenden Inhalten gefüllt. Und das dauert halt etwas länger.

Die andere große Neuigkeit war eine „streng vertrauliche“ Klausel im DGA-Deal, die aus Versehen von einem Studioboss während der WGA-Gespräche ausgeplaudert wurde. Die DGA hat eine sogenannte „Most Favoured Nation“-Bestimmung in Bezug auf einen zukünftigen WGA-Vertrag. Im Klartext, wenn die WGA es schafft, mit den Studios einen besseren Vertrag auszuhandeln als die DGA, wird die DGA diesen besseren Vertrag auch bekommen.

Die „Most Favoured Nation“-Klausel bestätigt, dass der DGA Deal nichts weiter war, als ein Weg für die Studios zurück an den Verhandlungstisch mit der WGA, und zwar ohne Gesichtsverlust. Ein großes Anliegen der Studios war es ja immer, die WGA-Führung für unseren Streik zu bestrafen und die Regisseure von der DGA für ihre „Vernunft“ mit einem Deal zu belohnen. Da aber der DGA-Deal nicht viel mehr als leere Versprechungen war, musste die DGA sich auch insgeheim mit einer „Most Favoured Nation“-Klausel absichern. Auf jeden Fall muss die WGA für die Regisseure ‚Regie führen‘ und marschiert nicht nur für sie auf der ‚Picket Line‘, sondern verhandelt jetzt auch noch deren Vertrag.

Frühestens Montag, so David Weiss, hört die WGA-Führung von unseren Unterhändlern, ob der Zeitpunkt gekommen ist, formelle Verhandlungen zu beginnen. Sobald diese Verhandlungen zu einem Deal-Memorandum führen, könnte der Streik, seiner Meinung nach, enden.

“Picket Bowling”

(„Picket Bowling“, Fotos: A. Kossak)

Kommende Woche sind wir also aller Voraussicht nach noch auf der Picket-Line, und die Autofahrer können weiterhin „Picket Bowling“ spielen und mit hoher Geschwindigkeit durch die engen Lücken in unserer Picket Line in die Studioeinfahrt rasen. Ich kann nur hoffen, dass dieser zunehmend beliebte „Sport“ keinen von uns erwischt und dass wir alle heil ins Ziel kommen.

Tschüss bis bald,

Andreas

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