Portrait: Michael Russnow, Strike Captain (Teil 1)

Von Andreas Kossak, LA

Ich muss gestehen, dass ich nicht immer meine drei Stunden viermal die Woche, hin- und her gehe, sondern manchmal bis zu einer halben Stunde am Tag neben der Picket Line stehe und mich mit Michael Russnow unterhalte. Zu meiner Entschuldigung sei aber gesagt, dass er ja schließlich mein Strike Captain ist und ich zumindest dabei mein Streikschild in der Hand halte. Da Michael von 1990 bis 1994 Vorstandsmitglied der WGA war und ausserdem schon einiges in Deutschland und Europa geschrieben hat, wurde er natürlich auch sofort das Opfer meines nächsten Interviews von der Picket Line.

Zur Aktuellen DGA Situation empfehle ich auch Michaels Kommentar (auf Englisch) : http://ramproductionsinternational.com/WGAStrike.aspx

ANDREAS KOSSAK: Michael, erzähl uns bitte ein bisschen über deinen Hintergrund und wie du zum Schreiben kamst.

MICHAEL RUSSNOW: Zum Schreiben kam ich, als ich Schreiben lernte. Aber wenn du mich fragst, wie ich zum Profi wurde, so kam das folgendermaßen: Nach meiner militärischen Grundausbildung in Ford Ord, Kalifornien, habe ich einen Roman über meine Erfahrung dort geschrieben. Ein ehemaliger Komilitone von der UCLA hatte ebenfalls einen Roman geschrieben, und wir sprachen über eine mögliche Zusammenarbeit. Ich erzählte ihm von einer neuen Serie, die ich sehr mochte. Die hieß “Die Waltons”. Sein Vater war Produzent, aber er hat uns nur geholfen, indem er uns Informationen über ein Entwicklungsprogramm bei CBS gegeben hat. Diese Initiative sollte neuen Autoren eine Chance geben und garantierte einem Produzenten das Entwicklungsgeld, auch wenn das Drehbuch letztendlich nicht produziert wurde. Wenn das Drehbuch allerdings doch produziert wurde, blieb das Geld im Entwicklungsfonds.

Wann und wie wurdest du ein Mitglied der WGA?

Ich rief damals einfach mal bei Earl Hamner an, dem Erfinder der “Waltons” und gleichzeitig der Erzählstimme der Serie. Um 8 Uhr am selben Abend klingelte das Telefon und eine Stimme mit dem Akzent der Südstaaten fragte nach einem “Mr. Roose-e-now”. (Man sollte vielleicht erwähnen, dass die Leute damals noch zurückgerufen haben.) Ich berichtigte seine Aussprache und bemerkte dann, dass es sich wohl um Mr. Hamner handelte. Nervös fragte ich, ob ihm das CBS-Entwicklungsprogramm bekannt war. “Erlär’s mir mal”, war seine Antwort, und das tat ich. Am Ende des Telefonats einigten wir uns darauf, uns mal zu treffen, was unausgesprochen bedeuten sollte, dass wir uns Ideen ausdenken sollten. Und das taten wir. Es dauerte letztlich 4 Monate und bedurfte einer Menge dramatischer Episoden im Laufe dieser Zeit, aber wir wurden angestellt, und einen Monat später bewarben wir uns um die WGA-Mitgliedschaft. (Muss ich wirklich sagen, in welchem Jahr das war?) Kurz darauf schrieb ich einen Artikel für das Magazin der Television Academy mit dem Titel “Ja, Virginia, es gibt einen John-Boy”. Und darüber wurde sogar im Fernsehteil des Hollywood Reporter berichtet.

Wie hat die Mitgliedschaft in der WGA deine Autorenkarriere beeinflusst?

Eigentlich nur in dem Sinne, dass sie mich als profesionellen Autoren ausgewiesen hat. Mit diesem Status habe ich verschiedene Produzenten und Redakteure angerufen und gefragt, ob sie unser “Waltons”-Drehbuch mal lesen würden. Viele sagten Ja. Außerdem konnten wir so leichter einen Agenten finden.

Du warst auch Teilnehmer des legendären Streiks im Jahr 1988. Kannst du uns die Unterschiede zwischen dem Streik damals und dem heute beschreiben?

Der größte Unterschied ist, dass es damals gleich vom Start weg eine sehr gut organisierte Bewegung innerhalb der Reihen der WGA mit dem Namen “Union Blues” gab, die gegen den Streik war. Sie wurde immerhin angeführt von Oscar-Gewinner Edward Anhalt (”Becket”) und dem bekannten Kino- und Fernsehautoren Lionel Chetwynd (”The Apprenticeship of Duddy Kravitz”). Sie veranstalteten gar nicht geheime Treffen (eins habe ich selbst miterlebt), bei denen z.B. niemand geringerer als Steven Bochco ans Mikrofon trat und proklamierte: “Das ist der erste Streik, den ich mir leisten kann!” Da waren hunderte von Autoren im Saal, alle mehr oder weniger politisch interessiert am Streik. Dieser Widerstand gegen und auch Desinteresse an einem Streik haben der Sache sehr geschadet, dennoch dauerte er fast 5 Monate an, mit ansonsten ziemlich starker Unterstützung.

Im jetzigen Streik hat während der letzten 2 1/2 Monate keinerlei Widerspruch sein Haupt gereckt - bis zur gestrigen Ankündigung, die DGA hätte sich geeinigt. Plötzlich wird eine E-Mail von Mega-Produzent John Wells, der einmal Gewerkschaftspräsident war, an einen Freund auf einer WGA-kritischen Website eines ehemaligen Vorstandsmitglieds, Craig Mazin, veröffentlicht. Ich war drei Jahre lang zusammen mit John Wells im Vorstand der WGAw und habe eine herzliche Verbindung zu ihm, aber es gibt Stimmen, die sich fragen, ob das gescheit von ihm war, mit seinen persönlichen Ansichten jetzt an die Öffentlichkeit zu treten. Und zwar bevor das Verhandlungsgremium und der Vorstand der WGA ihre Bewertung des DGA-Abschlusses mitgeteilt haben.

Die Studios versuchen WGA-Mitglieder dazu zu bringen, ihr Recht auf “financial core” geltend zu machen, um den Streik aufzuweichen. Jay Leno hat angeblich dem Vorstand der WGA gedroht, von diesem Recht Gebrauch zu machen, wenn seinen Vorstellungen nicht entsprochen würde. Was bedeutet “financial core” und - aus deiner Perspektive eines ehemaligen Vorstandsmitglieds der WGA - wie betrachtet die WGA Mitglieder, die davon Gebrauch machen?

Ich weiß nicht, ob Jay Leno wirklich mit “financial core” gedroht hat, und es ist vielleicht interessant anzumerken, dass im 88er Streik keiner der prominenten Widersacher des Streiks (wie Anhalt und Chetwynd) davon Gebrauch gemacht haben. Sie wollten ihre Stimme lieber innerhalb der Gerwerkschaft erheben.

“Financial core” ist die rechtmäßige Zusicherung für Gewerkschaftsmitglieder, festgelegt in einem Bundesgesetz, dass sie nicht an Gewerkschaftsbeschlüsse gebunden sind, d.h. sie können während eines Streiks arbeiten, verlieren dadurch aber bestimmte Rechte, z.B. das Stimmrecht und die Möglichkeit, sich in ein Gewerkschaftsamt wählen zu lassen.

Einigen mag das nicht sowichtig sein wie ihre Karriere. Solche Mitglieder bezahlen weiterhin den Großteil ihrer Beiträge (ein kleiner Teil wird ihnen erlassen, der für politische und organisatorische Aktivitäten erhoben wird). Sie bekommen weiterhin Leistungen ausbezahlt, inklusive Tantiemen und Zahlungen aus den Kranken- und Rentenversicherungen. Ich bin mir nicht sicher, aber wahrscheinlich dürfen sie nicht Mitglied in der Film Society sein, aber wahrscheinlich hätten sie weiterhin eine Mitgliedskarte, die ihnen freien Kinoeintritt während der Filmpreissaison garantiert.

Die Gewerkschaft ist verpflichtet, die Entscheidung von jedem zu respektieren, der so handeln möchte; man muss dazu nur die Mitgliederabteilung anrufen.

Da wären dann aber noch die inoffiziellen Nachteile. Wenn von einem Autoren bekannt wird, dass er von “financial core” Gebrauch gemacht hat, wird er zum Pariah. Wenn dieser Autor kein Mega-Star ist und im Fernsehen arbeitet, wird er wahrscheinlich keinen Job mehr bekommen, auch wenn die WGA das in keiner Weise unterstützen würde. Also stellt sich die Frage, ob jemand die Freundschaft seiner Kollegen aufs Spiel setzen will und damit seine Karriere riskieren, denn sein Agent müßte ja seine Arbeit weiterhin den Showrunnern der Fernsehserien anbieten, und die sind in der WGA. Bei Kinoautoren kommt es darauf an. Vielleicht würden einige Regisseure und Schauspieler nicht mit ihm arbeiten wollen, aber die Studios würde es sicher nicht stören, vor allem nicht, wenn es sich um einen erstklassigen Drehbuchautoren handelt.

Teil 2 dieses Interviews erscheint so bald wie möglich an gewohnter Stelle…
(Übersetzung: Arne Sommer)

2 Antworten zu “Portrait: Michael Russnow, Strike Captain (Teil 1)”

  1. Streik zu 99% beendet, heute und morgen Urabstimmung der WGA-Mitglieder « VDD Supports WGA Strike! sagt:

    [...] United Hollywood beschreibt, was bei der Mitgliederversammlung in LA passiert ist (Englisch); Michael Russnow erläutert den Deal in einem Artikel für die Huffington Post (Englisch). Weiter auf Deutsch: Die [...]

  2. Kein Drehbuch. Kein Film. Grußworte downloaden « VDD Supports WGA Strike! sagt:

    [...] einmal gesammelt und als Download im PDF-Format zur Verfügung gestellt haben. Mit erneutem Dank an Michael Russnow und Andreas Kossak für die Mühe, die Stimmen [...]

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