Andreas Kossak hat uns in den vergangenen Wochen mit Streikreports und Interviews aus Hollywood versorgt und diesem Blog so ein ganz besonders authentisches Bild vom Autorenstreik der WGA vermittelt. Was natürlich auf dieser Seite des Atlantiks dazu geführt hat, wissen zu wollen, wer denn da eigentlich diese mitreissenden, differenzierten und immer spannenden Texte geschickt hat. Also was lag näher, als auch Andreas mal ein paar Fragen zu stellen? Hier kommen sie:
Arne Sommer: Ein deutscher Autor in Hollywood, ein deutsches Mitglied der WGA, da horcht man auf: Wie kam es dazu? Erzähl uns ein bisschen über deinen Werdegang.
Andreas Kossak: Ich bin über lange Umwege in die WGA gekommen. Fürs Schreiben und Literatur habe ich mich schon als Jugendlicher interessiert, was mich jedoch völlig kalt ließ, war Film.
Das änderte sich an einem denkwürdigen Abend, als meine Freunde mich überredeten, mal mit ins Kino zu gehen. Mit einem fetten Joint vorweg ist jeder Film lustig, versicherten sie mir. Ich willigte ein und sah „Einer flog übers Kuckucksnest.”
Von da ab ging ich fast jeden Tag - mit klarem Kopf - ins Kino. Genauer gesagt, saß ich im Apollo, dem 100-jährigen Hinterhof-Kino in Hannovers Arbeiterstadtteil Linden, wo ich auch aufgewachsen bin. Dort machte ein Student namens Achim Flebbe (der später Cinemaxx gründete) das Programm. Er zeigte fast ausschließlich Filme des „New Hollywood,“ also alles von „Easy Rider“ bis zu meinem Lieblingsfilm „King of Marvin Gardens.“
Im Apollo entschied ich dann: ich muss nach Hollywood. Als erstes kaufte ich mir das Buch „New Hollywood“ aus der Reihe Hanser und fand raus, dass es dort Filmschulen gab. Ich bewarb mich an der angeblich besten, der USC in Los Angeles. Schnell schrieb ich mir ein „Portfolio“ zusammen und verfasste auch meine Empfehlungbriefe selbst. Meine Lehrer unterzeichneten willig, hatten aber einen Vorbehalt: Muss es denn ausgerechnet Amerika sein? Es musste halt sein.

Ich wurde zu aller Überraschung vom USC Cinema-Department angenommen. Das war sozusagen mein erster Erfolg als Autor. An der USC lernte ich dann alles, was mit Film zu tun hat. Nach vier Jahren machte ich meine Abschluss und wurde endlich auf Hollywood losgelassen.
Ich habe zwar immer an Drehbüchern gearbeitet, wurde aber gleich nach der Schule als Kameramann angeheuert. Ein Kamerajob führte zum anderen, und inzwischen habe ich weit über 200 Projekte gedreht. Mein Regielehrer, der legendäre Edward Dmytryk, sagte immer: „Nennt euch bloß nicht Regisseur, wenn ihr noch keine fünf Spielfilme gedreht habt.“ Nach der Definition bin ich mit zwölf Spielfilmen also Kameramann.
Während den Dreharbeiten zu einem der Filme lernte ich den Drehbuchautoren John Huff kennen, der sich nach langer Karriere nach Joshua Tree zum Sterben zurückgezogen hatte. Das mit dem Sterben klappte einfach nicht, und so haben wir uns stattdessen zu einem Autorenteam zusammengerauft.
Eines Nachts hatte John einen Traum von einem Filmteam, dem das Geld ausgegangen war, und einem Erdbeben. Ein Stoff also, den jeder schon mal erlebt hat. Aus dem Traum wurde dann nach 54 Fassungen ein Drehbuch mit dem Titel „Cyxork 7.“ Da ein alter Freund John schon lange einen Film schuldete, haben wird dann „Cyxork 7“ verfilmt.
John war schon Jahrzehnte lang in der WGA, und so musste unsere Produktionsfirma den allgemeinen WGA-Vertrag unterschreiben. Damit stand mir dann als Co-Autor offen, auch Mitglied zu werden. Genau vor einem Jahr bin ich dann der WGA beigetreten.
Welches deiner Projekte können wir als nächstes in Deutschland sehen?
Ich hoffe „Cyxork 7.“ Unser weltweiter Verleih ist seit Dezember das berüchtigten Kultfilm-Team von Troma Entertainment aus New York. Ich weiß, dass die mit 25 Screeners auf der Berlinale waren. Mal sehen, was sich da tut.
Der Film lief aber auch schon in Deutschland. Im Apollo-Kino in Hannover, das dieses Jahr 100 Jahre alt wird! Während des Nord Media-HD-Workshops haben wir den Film dort als Beispiel eine HD-Produktion gezeigt. Und bevor ich in Amerika untergetaucht bin, war das Apollo ja auch mein Stammkino.
Vielen hier drüben ist nicht klar, warum die WGA überhaupt streiken kann (und wir nicht). Kannst du das System kurz umreißen? Wieso muss man als Autor dort Mitglied sein, wann genau wird man aufgenommen?
Über Jahrzehnte hat die WGA es erreicht, dass jeder Produzent, der einen WGA-Drehbuchautoren beschäftigen will, mit der WGA einen Vertrag abschließen muss. Dieser Vertrag ist das sogenannte Motion Picture Basic Agreement (MBA). Das MBA läuft all drei Jahre aus. Um diesen MBA-Vertrag ging es auch im Streik.
In dem MBA-Vertrag erkennt der Produzent die Rechte, Regeln und Tarifbestimmungen der WGA an. Dazu gehört auch das Streikrecht. Der „Signatory“-Produzent ist also vertraglich gebunden und kann auch bei Vertragsbruch von der WGA verklagt werden.
Als größter Arbeitgeber sind die Studios nach Ablauf des MBA-Vertrages bei den Verhandlungen federführend. Kurioserweise werde ich als Autor für den neuen Vertrag stimmen und ihn dann als „Signatory“-Produzent ein paar Wochen später unterschreiben.
Für die Produzenten hat das WGA-System den Vorteil, dass alle Verträge und Arbeitsbedingungen einheitlich geregelt und überschaubar sind.
Die gleichen Vorteile gelten auch für den meist freiberuflichen Drehbuchautoren. Arbeitsbedingungen, Minimumtarife, Regeln für „Screen Credits“ und vieles mehr sind festgelegt. Der Drehbuchautor steht nicht allein da. Zudem treibt die WGA weltweit die „Residuals“ ein, also festgelegte Zahlungen bei Wiederverwendung von Programmen. Wenn man eine gewisse Summe pro Jahr verdient, ich glaube $30000.-, kann man sich auch über die WGA krankenversichern lassen.
Jeder kann Mitglied der WGA werden. Man muss nur Drehbücher an eine WGA-„Signatory“-Firma verkauft haben, oder als Drehbuchautor von einer “Signatory”-Firma angestellt sein. Um sich zu qualifizieren, muss man eine bestimmte Punktzahl erreichen. Die Punktzahl ist zum Beispiel erreicht, wenn man ein Drehbuch für einen Spielfilm schreibt, der verfilmt wurde. Man kann sich auch durch mehrere Drehbuch-Optionen oder durch das Schreiben von mehreren Folgen einer TV Serie qualifizieren. Die genauen Details sind auf der WGA Website veröffentlicht.
Es gibt auch „Associate Membership“, was einem ermöglicht, an vielen WGA-Veranstaltungen teilzunehmen. Unter den Associate Members findet man viele Filmstudenten und Autoren, die noch nicht die Beitrittsbedingungen erfüllt haben.
Die reguläre WGA-Betrittsgebühr beträgt zur Zeit, glaube ich, US$2500.-. Danach kostet der laufende Beitrag US$25 pro Quartal.
“Zwangsmitgliedschaft”, das klingt für unsere Ohren sofort nach Repressalien, nach mafiösen Strukturen. Wer sind denn die “Herrscher” der WGA? Und kommt man als einfaches Mitglied an die ran? Oder anders gefragt, kannst auch du Präsident der WGA werden?
Zwangsmitgliedschaft gibt es eigentlich nicht. Man kann auch Drehbücher als Nicht-WGA-Mitglied schreiben und verkaufen. Selbst mit Produzenten, die WGA-„Signatories“ sind, kann man zusammenarbeiten, doch müssen die Produzenten dieses der WGA melden. Die WGA wird den Autoren dann freistellen, ob sie beitreten möchten oder nicht. Die meisten etablierten Produzenten sind WGA-„Signatories,“ genau wie alle renommierten Agenturen, die sich damit den WGA-Regeln für den Umgang mit WGA-Autoren verpflichtet haben. Nur im extremen Low-Budget-Bereich operieren Produktionen, die keine „Signatories“ sind. Dort kommt es dann oft zu Ausbeutung und Konflikten mit Autoren.
Alle „Current Members“, also alle die im Zeitraum von sieben Jahren als Autoren Geld verdient haben, können als WGA-Präsident kandidieren. Die „Current Members“ wählen den WGA-Präsidenten und den Vorstand. Im Vorwahlkampf wird man oft zu Treffen mit den Kandidaten eingeladen und kann sich ein genaues Bild machen.
Zudem kann man verschiedenen Arbeitsgemeinschaften beitreten. Ich bin zum Beispiel Mitglied des Independent Film Caucus. Durch die Arbeitsgemeinschaften, Workshops, Trainingsprogramme, Filmserien oder auch durch soziale Veranstaltungen (und Streiks) trifft man viele andere Drehbuchautoren.
Wie oft müssen denn eigentlich die Verträge zwischen den Autoren und der AMPTP ausgehandelt werden?
Der MBA Vertrag besteht für eine Dauer von drei Jahren. Ein gutes halbes Jahr vor dem Auslaufen des Vertrags wird ein neuer Vertrag verhandelt. Das lauft normalerweise weit weniger dramatisch ab, als es diesmal der Fall war. Zum Streik kommt es fast nur, wenn technologischer Fortschritt neue Bedingungen schafft, wie gegenwärtig das Internet.
Durch den WGA-Streik läuft der neue Vertrag jetzt nur zwei Monate vor dem von SAG und DGA aus. Sollte es notwendig sein, in drei Jahren wieder zu streiken, kann die WGA unter dem alten Vertrag zwei Monate weiterarbeiten, um dann mit den anderen Gewerkschaften zusammen zu streiken. Das ist ein großer strategischer Vorteil.
Woher weißt du, wo und wie lange du täglich streiken sollst? Macht jemand ein Häkchen auf einer Anwesenheitsliste, wenn du kommst? Wie läuft die Kommunikation?
Die Kommunikation während des WGA-Streiks war eine der großen Errungenschaften gegenüber früheren Streiks. Was immer der Vorstand beschloss, wurde über die Streikleitung an die etwa 400 Strike-Captains per E-Mail weitergeleitet. Die Strike-Captains kommunizierten dann per E-Mail mit ihren Gruppen. Das Ganze lief mit großer Geschwindigkeit ab und blieb der Presse und damit der AMPTP weitgehend verborgen.
In den ersten Wochen waren wir 4 Stunden täglich als Streikposten unterwegs. Dann wurde das Pensum auf drei Stunden pro Tag reduziert. Freitag war immer offen für Veranstaltungen.
Es wurde diskutiert, ob man unsere Mitgliedsausweise, ähnlich einer Kreditkarte, durch einen „Reader“ ziehen sollte, um die Anwesenheit festzustellen. Am Ende blieb es aber beim „Honor System.“ Jeder der kam, trug sich in eine Anwesenheitsliste ein. Diese Liste lag abends den Strike-Captains vor, und die konnten sehen, wer aus ihrer Gruppe nicht erschienen war. Ich habe aber nie gehört, dass Mitglieder unter Druck gesetzt wurden, auf die Picket-Line zu kommen.
Der Schützengraben in diesem Krieg ist ja diese Picket Line, verzeih den martialischen Vergleich, und du läufst sie jeden Tag auf und ab. Bleibt ihr da im Grunde unter Euch, oder gibt es eine Art “Kriegsgeschehen”, einen Austausch und vielleicht auch Zusammenstöße mit Passanten, Polizei, wem auch immer?
Eine der Aufgaben der Picket Line war es, der Öffentlichkeit Tag für Tag unsere Entschlossenheit zu zeigen. Wir waren die erste Anlaufstelle für Sympathisanten, und der Blitzableiter für die, die gegen uns waren. Dazu kamen noch die Journalisten und Fernsehteams aus aller Welt, die immer auf eine mögliche Spaltung von Vorstand und Basis hofften.
Die Sympathisanten versorgten uns mit Essen und Getränken, oder hupten beim Vorbeifahren. Sympathisanten kamen aus allen Bevölkerungsgruppen, vom Ferrari-Fahrer mit einer Kiste Designer-Wasser, der Hausfrau mit Thermoskannen voll heißem Kakao, bis zu Hippies mit selbst gebrauten, geheimnisvollen Kraftgetränken.
Auf der anderen Seite gab es die, die uns mit „go back to work“ aus vorbeifahrenden Autos anschrien. Da viele ihren Job verloren hatten, war das noch verständlich. Gefährlich waren nur die Autofahrer, die ihren Wagen gegen uns als „Waffe“ einsetzten.
Vor den meisten Studioeinfahrten befinden sich Fußgängerüberwege. So lange man als Fußgänger „Grün“ hat, darf man sich dort aufhalten und die Autos müssen, laut Gesetz, stoppen. Einige Fahrer versuchten jedoch mit großer Geschwindigkeit durch kleine Lücken in der Picket-Line zufahren. Das war oft sehr gefährlich.
Andere versuchten, uns mit ihren Autos einfach aus dem Weg zuschieben. Das war dann das richtige „Picket Bowling.“ Wenn ein Autofahrer das versuchte, stellten wir uns schnell in den Weg. Meistens kamen uns dann auch die Sicherheitsleute von CBS sofort zur Hilfe. Als einer der Manager von Bill Maher das „Picket Bowling“ versuchte, schob er etwa acht von uns mit seinem großen Geländewagen vor sich her. Unter den Leuten war auch der Security-Chef von CBS TV City, der dabei fast unter die Räder kam. Einige dieser Zwischenfälle hatten ein polizeiliches Nachspiel. Gott sei Dank ist aber keiner von uns ernsthaft verletzt worden.
Hast du eine Anekdote vom Streikposten? Was passiert einem da so?
Eine der bizarrsten Dinge die ich erlebt habe, war der LA Times-Redakteur, der unsere E-Mail-Adressen geklaut hat. Zum Ende des Streiks kam er zu uns auf die Picket-Line und stellte sich als Redakteur von LA Times Online vor.
Offensichtlich war die LA Times aufgewacht und hatte bemerkt, wie die Streik-Blogs, allen voran Nikki Finkes „Deadline Hollywood,“ Internet-Traffic anzogen und mit Werbung Geld machten. Die LA Times Online wollte natürlich auch vom Streik profitieren. Der Plan des Redakteurs war, dass wir ihm Streikgeschichten e-mailen, die er „garantiert“ veröffentlichen wollte. Das sollte dann zu vielen Kommentaren führen und der LA Times werbeträchtige Hits einbringen.
Um uns zur Mitarbeit zu provozieren, versuchte er uns in Streitgespräche zu verwickeln. Er wüsste nichts von der einseitigen WGA-unfreundlichen Berichterstattung der LA Times, weil er seine eigene Zeitung nicht lese, genau wie er sich die „Scheisse“, die wir schrieben, auch nicht ansehen würde.
Keiner wollte mit ihm sprechen, und er zog ab, kam dann aber wieder. Er durchstöberte die Unterlagen auf unserem Streiktisch. Dort fand er schließlich die Anwesenheitsliste und begann sofort, sich unsere Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen aufzuschreiben. Als wir ihn dann stoppten, hat er sich seinen Zettel schnell in die Tasche gesteckt und ist abgehauen. Er wollte uns später nur kontaktieren und daran erinnern, dass wir ihm Streikgeschichten schicken sollen. Da hat er dann sicherlich lange drauf gewartet.
In deinem Interview mit Michael Russnow klingt dieser seltsame Widerspruch an: In Europa streikt von den Lokführern bis zu den Ärzten so ziemlich jede Berufsgruppe, nur in der Unterhaltungsbranche kommen die Leute nicht mal drauf. Worin besteht deiner Meinung nach der Unterschied zwischen Europa und den USA, der dazu geführt hat, dass es in Amerika diese schlagkräftige Gewerkschaft WGA gibt, auf die ihre Mitglieder stolz sind, während hier in Deutschland jeder Autor sofort den Knoblauch und das Kreuz zückt, wenn er das Wort “Gewerkschaft” hört?
Ja, ist das nicht ein Widerspruch? Ich glaube da sind die amerikanischen Kollegen den deutschen ein wenig voraus. Hauptsächlich, weil sie schon viel früher von den Studios systematisch ausgebeutet wurden und daraus gelernt haben.
Meine Kenntnisse der deutschen Filmindustrie sind leider sehr begrenzt. Ich glaube aber sagen zu können, dass die deutschen Filmemacher und bestimmt auch die deutschen Drehbuchautoren sich viel mehr als Künstler sehen als die amerikanischen Autoren. Als Künstler ist man Individualist, und Individualisten sind Einzelkämpfer. Da will man sich nichts sagen lassen. Vor Allem will man sich keiner Organisationen unterordnen, die einem irgendwie in seine Arbeit reinquatscht. Um seinen individuelle Kreativität zu bewahren, schützt man sich vor der Gruppe. Ich kann das gut verstehen und denke selber meistens so.
In den Gründungsjahren der WGA verstanden sich die Drehbuchautoren in Hollywood auch viel mehr als Individualisten und Künstler. Doch dann kam das Studiosystem, das die Autoren als beliebig ersetzbare Kreativ-Arbeiter betrachtete. Da ist dann die schöne Blase vom Individualisten zerplatzt. Um nicht völlig ausgenommen zu werden, mussten die Drehbuchautoren lernen, sich so zu verhalten, wie die Studios sie betrachteten: als Arbeiter. Der logische Schritt war dann eine Gewerkschaft zu gründen, mit allem was dazu gehört: Streiks, Tarifverträge, Anwerben von Mitgliedern, Regeln für Mitglieder, etc. Je stärker die Gewerkschaft, je mehr die Arbeitsbedingungen und Vergütungen geregelt waren, desto größer wurde auch der Freiraum für den Individualismus. Freiheit, aber halt unter Gewerkschaftsschutz.
Ich glaube, dass gerade in Deutschland die Film- und Fernsehbranche (leider) immer stärker amerikanisiert wird. Und es ist glaube ich nur eine Frage der Zeit, bis alle Drehbuchautoren merken, dass sie als Einzelkämpfer besonders leicht übers Ohr zu hauen sind. Dann werden sie den Schutz der Gruppe suchen und den VDD dringend brauchen.
Hast du einen Rat für uns deutsche Autoren? Eine Lehre, die auch wir aus dem Streik ziehen könnten? Selbst wenn es nicht gleich zur vollständigen Organisation der hiesigen Kollegen kommt?
Die WGA hat eine relativ lange Geschichte, und immer wieder traf ich Kollegen, die voller Erfurcht von der älteren Generation sprachen. Damals hatten die Autoren auf Rechte verzichtet, die ihnen selbst Geld eingebracht hätten, um mehr Rechte für zukünftige Autoren zu erreichen. Sie hatten also selbstlos ihren eigenen Vorteil beiseite gestellt, damit wir heute von Residuals überleben können.
Eine Gewerkschaft ist ein Projekt, das über viele Generationen wachsen muss. Manchmal gibt es Rückschritte, dann aber auch hart erkämpfte Fortschritte, so wie unser neuer Vertrag.
Man muss einfach weitermachen und wachsam bleiben. Es gibt eigentlich nur den Weg nach vorn.
Zu einer Sache möchte ich jedoch die deutschen Autoren ermutigen, und das hat nichts direkt mit der Gewerkschaft zu tun. Lasst Euch nicht von den sogenannten amerikanischen Drehbuch-„Experten“ verrückt machen. Die ganze Storymechanik, die Strukturformeln, die da von eingeflogenen Hollywood-„Experten“ auf Seminaren gepredigt werden. Bewahrt Eure eigene Stimme, Eure Art, Geschichten zu erzählen.
Du versorgst uns ja nun schon seit Wochen mit Neuigkeiten, Interviews und atmosphärischen Reports vom Autorenstreik. Jetzt ist er vorbei. Was bleibt besonders in deiner Erinnerung haften?
Wir hatten viele beeindruckende Veranstaltungen, wie den Marsch auf dem Hollywood Blvd. Dort standen plötzlich riesige LKWs der wohl stärksten Gewerkschaft, der International Brotherhood of Teamsters, auf der Strasse. Wir waren nicht allein, sondern hatten die Unterstützung von millionen Gewerkschaftsmitgliedern. Das war tief beeindruckend. Dazu gehört auch Eure Aktion unter dem Brandenburger Tor. Die Bilder liefen ja auch lange auf der WGA-Website.

Dann gab es da noch einen älteren Herrn, der oft zum Streik erschien, aber nicht mehr so gut laufen konnte. Immer wieder feuerte er uns an „you’ve got to win this one.“ Keiner wusste, was der geschrieben hat, und manche jüngeren machten sich schon über ihn lustig. Schließlich habe ich seinen Namen herausgefunden und nachgeforscht: er hatte über 1200 Episoden ‘Situation Comedy’ geschrieben und war seinem hohen Alter immer noch aktiv.
Dann gab es noch eine sehr alte Dame, die eines Tages an unserer Picket-Line vorbeiging. Sie fragte mich, ob wir Drehbuchautoren sein. Ich versicherte ihr, dass wir alle Drehbücher schreiben und einige von uns sehr bekannt waren. Sie glaubte mir aber nicht. So wie wir würden einfach keine Drehbuchautoren aussehen. Sie war überzeugt, dass wir Stadtstreicher waren, die von den richtigen Autoren bezahlt würden, um für sie zu streiken. Denn die wirklichen Hollywood-Drehbuchautoren seien immer elegant angezogen gewesen, mit Krawatte und Seidentuch. Trotz aller Bemühungen ließ sich die alte Dame nicht überzeugen, und das war vielleicht auch gut so.
Lieber Andreas, vielen Dank für das Gespräch!
(Fragen: A. Sommer, Fotos: A. Kossak)